Hat der VAR den Schweizer Fussball gerechter gemacht?

Hat der VAR den Schweizer Fussball gerechter gemacht?

25.11.2022  /  von Yanick Eschler

Seit dem Sommer 2019 können die Schiedsrichter in der obersten Schweizer Fussballliga auf den VAR - auf den Video Assistant Referee - zurückgreifen. Dieses technische Hilfsmittel unterstützt die Schiedsrichter auf dem Feld, die richtige Entscheidung zu treffen. Doch hat der VAR tatsächlich den gewünschten Effekt gebracht? Ist der Schweizer Fussball dadurch gerechter geworden?

Seit dem Sommer 2019 können die Schiedsrichter in der obersten Schweizer Fussballliga auf den Video Assistant Referee zurückgreifen. Dieses technische Hilfsmittel soll sie dabei unterstützen, die richtige Entscheidung zu treffen. Doch hat der VAR tatsächlich den gewünschten Effekt gebracht? Ist der Schweizer Fussball dadurch gerechter geworden?
Zum ersten Mal kam der VAR an der Fussballweltmeisterschaft 2018 in Russland bei den Profis zum Einsatz. Nach und nach führten ihn auch die nationalen Ligen ein. Im Sommer 2019 folgte die Super League, die höchste Schweizer Fussballliga. Seither sorgt der VAR immer wieder für Diskussionen. Fussballromantiker sehen in ihm einen Störfaktor, während Fans, die Wert auf Fairness legen, auf die höhere Trefferquote bei Entscheidungen verweisen. Die Frage bleibt jedoch bestehen: Hat der VAR den Fussball wirklich gerechter gemacht?

Wann greift der VAR überhaupt ein?

Eine der grossen Befürchtungen vor dem VAR‑Zeitalter war, dass er das Spiel zerstören könnte, weil er ständig eingreift und kleinste Vergehen ahndet. Genau deshalb gilt die klare Regel, dass er erstens nicht immer eingreifen darf und zweitens nur bei klaren Fehlentscheidungen. Nur in vier Spielsituationen ist ein Eingriff erlaubt. Die entsprechenden Situationen sind auf der Grafik beschrieben und können zusätzlich im Audiobutton von Sascha Kever erklärt werden. Kever ist seit Beginn des VAR‑Systems in der Schweiz dabei. Ich konnte ihn an einem Matchtag begleiten und ihm bei der Arbeit über die Schulter schauen.

©zvg vom SFV

Wie und wo arbeitet der VAR?

Der sogenannte Video Operating Room befindet sich in einem modernen Bürogebäude in Volketswil. Von dort aus werden alle Spiele der Schweizer Super League zentral verfolgt. Die VAR‑Teams sitzen also nicht in unmittelbarer Nähe der Stadien. Insgesamt stehen fünf Arbeitsplätze zur Verfügung, sodass maximal fünf Partien gleichzeitig betreut werden können.
Ein Arbeitsplatz besteht aus mehreren Bildschirmen, drei Headsets sowie einem grünen und einem roten Buzzer. An jedem Platz sitzen drei Personen. Ein Techniker, der VAR und der AVAR, also der Assistent des Videoschiedsrichters. Der Techniker ist dafür zuständig, die richtigen Szenen und passenden Kameraeinstellungen bereitzulegen. VAR und AVAR unterstützen ihn, indem sie mit dem grünen Buzzer strittige Szenen markieren. So kann der Techniker im Falle eines Checks schneller zur entsprechenden Szene zurückspringen.
Der rote Buzzer liegt nur vor dem VAR. Er stellt die Verbindung zum Schiedsrichter oder zur Schiedsrichterin auf dem Platz her. Das ist wichtig, weil VAR und AVAR oft miteinander sprechen und diese internen Diskussionen die Konzentration auf dem Feld nicht stören sollen.

Wie läuft ein Check des VARs?

Der VAR sieht während eines Spiels unzählige Situationen, die potenziell nicht regelkonform sein könnten. Die meisten davon sind jedoch sofort hinfällig, weil daraus keine spielentscheidende Szene entsteht. Trotzdem markiert er jede Situation, die theoretisch Einfluss auf das Spiel haben könnte.
Im Video, das ich während eines Trainings aufnehmen durfte, wird das gut sichtbar. Ein mögliches Offside wird markiert und sofort wieder gelöscht, weil nichts daraus entsteht. Kurz darauf folgt ein Foul. Gleiches Vorgehen. Danach eine mögliche rote Karte, die mangels klarer Bilder nicht bestätigt werden kann. Es passiert enorm viel in kurzer Zeit.
Ein Check kann auch einmal länger dauern. Darüber habe ich mit Sascha Kever gesprochen. Er hat eine interessante Sichtweise auf diese Abläufe. Es geht darum, möglichst schnell und trotzdem korrekt zu entscheiden. Wenn ein Entscheid sehr lange dauert, ist es oft kein klarer Fehlentscheid. Seine Aussage dazu ist im Tonfile zu hören:
Der Schiedsrichter auf dem Platz trägt ein Knopf‑im‑Ohr‑System und hört seine Kolleginnen und Kollegen. Sowohl die Assistierenden am Feld als auch die beiden im VOR. Für ihn ist sofort klar, worum es geht und wann etwas ernsthaft geprüft wird. Für die Spieler ist das weniger transparent. Zwei Spieler der Young Boys sagten mir, dass die Kommunikation gegenüber den Spielern verbessert werden könnte. David von Ballmoos bezeichnet das Warten auf einen Entscheid sogar als Horror. (siehe Video)

Macht der VAR den Fussball in der Schweiz gerechter?

Diese Frage lässt sich klar mit Ja beantworten. Dafür braucht es im Endeffekt ehrlicherweise keine tiefgründigere Studie. Schon eine einzige korrigierte Fehlentscheidung macht ein Spiel gerechter, als es ohne VAR gewesen wäre. Und da der VAR in den vergangenen drei Saisons weit mehr als nur eine Entscheidung korrigiert hat, gibt es nur diese eine logische Antwort.
Natürlich gibt es Optimierungspotenzial. Der VAR könnte schneller werden und die Kommunikation mit den Spielern klarer. Fussballromantiker werden wohl weiterhin behaupten, dass der Fussball ohne VAR schöner war. Die Diskussionen über den Schiedsrichter hinter dem Bildschirm in Volketswil werden also weitergehen.

Ganze Geschichte im Radiobeitrag hören

Die Geschichte habe ich im Rahmen meiner Diplomarbeit für das MAZ realisiert. Der rund fünfzehnminütige Radiobeitrag bildet den grössten Teil dieser Arbeit. Inhaltlich folgt dieser Online‑Beitrag der Radioversion, unterscheidet sich aber an einigen Stellen. Im Radio erzähle ich zum Beispiel ausführlicher von meinem Erlebnis im VOR, als ich ein ganzes Spiel mitverfolgen konnte.
Den Radiobeitrag habe ich unten eingefügt. Ich freue mich, wenn ihr euch die Zeit nehmt und reinhört.